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Die Verlagsgeschichte

Eine subjektive Erinnerung von Oliver Schwarzkopf

Immer wieder bin ich gefragt worden, wie das alles angefangen hat, wie es weiterging und wurde, was es heute ist. Immer wieder dachte ich: Stimmt, muss ich mal aufschreiben. Aber immer kamen so viele aktuelle Projekte dazwischen und die waren natürlich auch wichtiger, als die Vergangenheit nachzuerzählen. Trotzdem will ich die Verlagsgeschichte nun nach und nach notieren, denn es sind dreißig aufregende Jahre. Es begann im Jahr 1992:

1992: LEIPZIG CRIME

Die Anfänge liegen in Leipzig, auch wenn der Verlag noch nicht Schwarzkopf & Schwarzkopf hieß. Der blutjunge Noch-nicht-Verleger Oliver Schwarzkopf war studienhalber 1987 von Berlin nach Leipzig gezogen (ist also Berliner, nicht Leipziger, auch wenn es immer wieder mal falsch kolportiert wird), das Studium der Theaterwissenschaften wurde mit Begeisterung begonnen und dann kurz nach der Wende ebenso begeistert und bis heute unterbrochen, weil die Lust auf tageslichtarme Probebühnen in der Wendezeit verloren gegangen war.

Das erste Buch erschien im März 1992: "Mein Messer lob ich mir" von Andreas Poppe, ein schräger Leipzig-Krimi der Nachwende-Zeit. Der Titel ist eine kleine Hommage an Goethes "Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute." Zeitgleich auch die erste Teilnahme an der Leipziger Buchmesse mit einem eigenen Stand, seitdem ununterbrochen auf der Leipziger Buchmesse. Im Herbst erstmals auf der Frankfurter Buchmesse, seitdem auch dort 25 Jahre ohne Unterbrechung als Aussteller.

Die Leipzig-Krimis wurden fortgesetzt, das ganze war dann eine Reihe unter dem Titel LEIPZIG CRIME mit dem Slogan JEDE GROSSSTADT HAT DAS VERBRECHEN, DAS SIE VERDIENT. Der passte in diese wilde Zeit, Leipzig war damals eher unregierbar, und die ostdeutschen wie westdeutschen Glücksspiel- und Rotlicht-Größen hatten genug Zeit und Muße, ihre Meinungsverschiedenheiten in Form von Schießereien auszutragen, was Leipzig damals den Beinamen CHICAGO DES OSTENS nicht zu Unrecht eintrug.

1993: BERLIN RUFT: COMING HOME.

Die Reihe LEIPZIG CRIME war unterdessen auf vier Titel gewachsen, der bemerkenswerteste Krimi war sicherlich DER KLEINE PARISER von Frank Goyke. Doch irgendwann war es nach sechs Jahren in Leipzig genug. Ganz sicher ist Leipzig die großartigste Stadt im ganzen Osten, und ich werde immer einen Koffer und viele Freunde dort haben.

Doch ich wollte nun wieder nach Berlin, weil es dort viel mehr interessante Geschichten und tolle Autoren gab. Der Prenzlauer Berg fehlte mir auch schon lange, der damals natürlich noch ganz anders war: Verrottete Bausubstanz, aber der Aufbruch war enorm.

Da wollte ich hin, und dass auch viele Bayern und Schwaben sich gen Norden in Bewegung gesetzt hatten, störte mich nicht. Also: Der Rucksack wurde gepackt.

1994: GRÜNDUNG DER GMBH - JETZT GEHT’S RICHTIG LOS!

Bislang war der Verlag eine GbR, doch nun sollte es richtig los gehen, eine GmbH sollte gegründet werden. Der Name ist nicht schwer zu finden, wenn zwei Brüder die Firma gründen, auch wenn der eine gar nicht im Verlag tätig ist. So kam es jedenfalls zu Schwarzkopf & Schwarzkopf, ganz simpel.

In diesem Jahr erschien auch mit SPRAY CITY der erste farbige Graffiti-Bildband in Deutschland überhaupt, gefolgt von GRAFFITI ART - DEUTSCHLAND, dem erfolgreichen Auftakt einer ganzen Serie von farbigen Graffiti-Büchern, was damals ein echtes Novum war. Zum ersten Mal rannten uns die Buchhändler die Bude ein, weil die Bücher sich schneller verkauften als wir sie drucken konnten.

Die Buchhändler sahen jedenfalls merkwürdige Gestalten mit einer aus ihrer Sicht komischen Sprache und sehr tief sitzenden Hosen in ihren Geschäften, die sich sonst nicht zur Lütteratur verirren. Leider hat nicht jeder HipHop-Fan sein Exemplar im Buchladen bezahlt, was die Freude etwas trübte. Aber Graffiti war viele Jahre ein wichtiges Standbein des Verlages.

1995: GREGOR GYSI UND JÜRGEN KUTTNER

Kann man Gregor Gysi mögen, ohne ihn zu wählen? Kann man Gregor Gysi verlegen, und gleichzeitig seine vielfach gewendete und umbenannte Partei nur sehr gering schätzen? Man kann! Ich hatte während der Zusammenarbeit immer das Gefühl, dass die Betonfraktion der ewiggestrigen Genossen ihn permanent nervt und er seine eigene Partei auch nicht immer mit einem guten Gefühl gewählt hat. Sein Buch FRECHE SPRÜCHE war ein Bestseller, gefolgt von NICHT NUR FRECHE SPRÜCHE.

Einer der größten Talente des Ostens war zweifelsfrei Jürgen Kuttner, der damals seine Sendung SPRECHFUNK machte. Da er so schnell sprach und man ihm kaum folgen konnte, lag nichts näher, als die Bänder abzuhören und ein SPRECHFUNK-LESEBUCH daraus zu machen. Der Erfolg war großartig, zur Signierstunde stand die Schlange rund ums Internationale Buch, das es damals noch in der Spandauer Straße gab. Später folgten noch die EXPERTENGESPRÄCHE mit Stefan Schwarz.

1996: WOLF BIERMANN, HEINER MÜLLER, ROGER MELIS

Wolf Biermann ist zweifelsfrei der größte deutsche Dichtersänger der Nachkriegszeit. Seine frechen Verse haben die Mächtigen der DDR sehr geärgert, und seine Ausbürgerung war der erste Sargnagel ihres Untergangs. Biermann weiß um seine politische Rolle ebenso wie um seine künstlerische Bedeutung, das ist auch in Ordnung, nur leider zeigt er zu oft, dass er es weiß.

Zu seinem 60. Geburtstag wollten Roger Melis und ich einen Bildband machen. Roger war nicht nur der freundlichste Mensch dieses Landes, sondern Melis war auch noch der beste Schwarzweiß-Porträtfotograf der DDR. Niemand konnte wie er den Leuten ins Gesicht fotografieren, die sich ihm gegenüber offen zeigten wie sonst wohl kaum. Rogers große Kunst war es, sich selbst zurückzunehmen und sich als Fotografen niemals wichtiger zu nehmen als die Porträtierten.

Da Biermann und Melis beide an der Ecke Chaussee-/Hannoversche Straße wohnten, kannten sie einander, und Melis hat die besten Biermann-Bilder gemacht, die es gibt. Alles, was damals in den Siebzigern fotografiert wurde, ist von ihm, und war ein echter Schatz, den wir heben wollten. Wolf Biermann hat die Bilder launig kommentiert, entstanden ist ein ziemlich schöner Bildband, jedenfalls wenn man Wolf Biermann mag.

Roger Melis starb Ende 2009. Er war einer der wenigen wirklich herzensguten Menschen auf dieser Welt. Sein Sohn Matthias Bertram hat in den letzten Jahren wunderbare Bildbände (teilweise aus dem Nachlass) herausgegeben, die bei Lehmstedt erschienen sind, ich empfehle sie nachdrücklich.

*

Heiner Müller war der wichtigste deutsche Dramatiker der Nachkriegszeit, wichtiger als Brecht, dessen Texte nach der Rückkehr aus dem Exil viel weniger bedeutend waren als die großen Stücke seiner Jugend, geradezu läppisch gegenüber Baal und im Dickicht der Städte. Und in der DDR seiner eigenen Generation war Müller vollständig konkurrenzlos. Was Hacks natürlich sehr ärgerte, der viel bessere klassische Verse schmiedete, aber die Stücke waren zumeist nicht so, dass sie die jungen Menschen begeistern konnten, die von der engstirnigen DDR die Nase voll hatten. Man kann sagen, Hacks war langweilig, Müller war aufregend.

Müller war Ende 1995 viel zu früh gestorben, wir wollten seiner gedenken. Zu seinem ersten Todestag erschien deshalb der Bildband HEINER MÜLLER – BILDER EINES LEBENS. Es war das bislang größte und schwerste Buch des Verlages, ein Mammutwerk von 500 Seiten, 750 Abbildungen und etwa 5 Kilogramm schwer. Zahllose Fotografen haben ihre Archive geöffnet und das Werk enorm bereichert. Ein ganzer dicker Bildband nur für und über einen einzigen und nicht mal besonders hübschen Mann! Warum nicht, es war ja Heiner Müller.

Es wurde ganz sicher der teuerste Flop des Verlages, aber dieses Buch musste sein, denn Heiner Müller war nicht nur ein langjähriger Freund meines Vaters, sondern sein Werk für mich der eigentliche Grund, ans Theater gehen zu wollen. Manche Flops macht man eben gern, weil das Buch so wichtig ist, und sei es nur, für einen selbst. Heute zählt es zu einer gesuchten Rarität, so ändern sich die Zeiten.

1997 - 2000: WIRD NACHGELIEFERT.

Da muss ich nochmal ins Archiv gucken, bitte etwas Geduld!

2001: DIE ÄRZTE WERDEN ZUM ERSTEN SPIEGEL-BESTSELLER

Dieses Projekt war aus Sicht der allermeisten Buchhändler ganz sicher purer Größenwahn, und die Ankündigung wurde - vor dem Erscheinen - ziemlich eisig entgegengenommen: Ein Buch mit 500 Seiten, riesengroß, enorm schwer, und deshalb mit 98 Mark auch ziemlich teuer, was soll das denn bitte, hörten unsere Vertreter immer wieder.

Und dann noch über diese eine deutsche Band, wie hieß die nochmal ... DIE ÄRZTE? Das ist doch so eine Teenie-Band, gibt es die denn noch? Und dann noch dieser komische Titel EIN ÜBERDIMENSIONALES MEERSCHWEIN FRISST DIE ERDE AUF, das kann doch nichts werden!

Das war eine harte Zeit! Da hat man die Chance, mit der BESTEN BAND DER WELT das beste Buch der Welt zu machen, die definitive DIE ÄRZTE-Bibel für die vielen, vielen Fans; und man erntet erstmal solch ein Echo. Als das Buch erschien, war es nach wenigen Tagen ausverkauft und stieg auf Platz 11 der SPIEGEL-Bestsellerliste ein, Rubrik Hardcover Sachbuch. Was für ein Tag, als der SPIEGEL mit der gedruckten Bestseller-Liste erschien! Dafür hatten wir alle zusammen hart gearbeitet, und wir waren wirklich glücklich.

Natürlich haben die Buchhändler dann gefragt, warum wir von einem solchen Bestseller nur so wenige Exemplare gedruckt hätten. Muss ich anmerken, dass es vielfach die selben waren, die vorher dem Buch gar nichts zugetraut haben?

Aber plötzlich haben es hinterher wieder alle gewusst, dass DIE ÄRZTE natürlich ein gaaaanz großer Erfolg werden würden und wollten nichts mehr davon wissen, was sie noch kurz zuvor sagten. Der Erfolg hat eben viele Väter, nur der Misserfolg ist ein Waisenkind.

Bis heute ist das Buch unser erfolgreichster Musiktitel. Jedes Jahr werden noch einige Hundert Exemplare verkauft, denn es kommen immer neue Fan-Generationen dazu. Das Buch wird übrigens mit Absicht nicht aktualisiert - es ist in sich abgeschlossen, und soll genau so bleiben, finden Band, Management und Verlag. Es ist die DIE ÄRZTE-Bibel, genauer gesagt, das Alte Testament. Vielleicht gibt es eines Tages ja ein Neues Testament, wir werden sehen!

2002: NINA HAGEN

Über diese Passage musste ich lange nachdenken, denn Nina ist eine der radikalsten Persönlichkeiten, die ich getroffen habe. "Ist sie so, wie man sie aus dem Fernsehen kennt", wurde ich gefragt. "Nein, so nicht, aber das Zehnfache", war die übliche Antwort.

Ich hatte alle ihre Platten aus Ungarn in die DDR geschmuggelt (und mit viel Angst im Zug an der Grenze, wenn der grimmige DDR-Zoll kam und seine Landeskinder mit viel Argwohn in Empfang nahm), ich war Fan seit dem "Farbfilm"-Song, den ich als kleiner Piepel gern gehört habe. Damals trug man Anstecker, die gab es in Ungarn an jedem Kiosk, und natürlich war es zumeist der von Nina Hagen. Sie war so schön provokant, hatte eine tolle Stimme und ihre Songs waren gut und frech.

Und eines Tages begab es sich, dass Michael Schöbel, ihr damaliger Manager, zu unserem Stand auf die Popkomm kam, wo wir gerade den DIE ÄRZTE-Band vorstellten. "Wollen wir nicht mal so ein Buch über Nina machen", war seine erste Frage, noch bevor wir feststellten, seit vielen Jahren in der selben Straße zu arbeiten.

Um es kurz zu machen: Die Produktion dieses Buches war anstrengend. Sehr anstrengend. Sehr sehr sehr anstrengend; und trieb mich ein ums andere Mal ans Limit dessen, was ich schaffe. Nina ist Nina, und wer das nicht aushält, darf nicht mit ihr zusammenarbeiten. Es war nicht einfach, und noch wenige Minuten vor der Buchpremiere bei Hugendubel am Tauentzien waren wir nicht sicher, ob Nina kommen würde oder nicht.

Doch, sie kam - wir hatten ein wunderschönes Buch, alle waren glücklich, die Anstrengungen waren (fast) vergessen. Später bekam das Buch noch einen schönen Preis namens CORINE für das beste Sachbuch des Jahres. Den Preis kennt zwar keiner, aber schön war es trotzdem. Auch wenn ich immer noch denke, die Jury wollte vor allem, dass Nina kommt und einen kleinen Skandal bei der Preisverleihung macht, die auf 3sat übertragen wurde. Aber Nina kam nicht, so fiel der Skandal aus.

Auch wenn ich Ninas Anwandlungen in Sachen Ufos, Indien und Jesus nur mit großem Befremden sehe, bleibt sie eine der allergrößten Sängerinnen des Landes. Ihr Album NINA HAGEN BAND ist eines der größten der deutschen Rockgeschichte, auch UNBEHAGEN ist (trotz des Streites mit ihrer Band, die danach zu den großartigen SPLIFF wurde) exzellent. Wie schade, dass es an der Stelle nicht weiterging, es hätte so viel mehr passieren können.

Mit Michael Schöbel haben wir danach noch das ULLA MEINECKE-Buch gemacht, er hat damals auch Ulla gemanagt, die ich bis heute sehr verehre. Aber dazu dann in einem anderen Jahr. Hier nur der Nachtrag, dass Michael Schöbel Anfang 2015 nach der OP verstorben ist, die eigentlich reine Routine war - mit 50, das ist doch kein Alter! Er fehlt mir sehr, so wie er allen seinen Freunden fehlt, der ehrlichste Netzwerker der Welt.

Fortsetzung folgt.

Eines Tages, ganz bestimmt. Da ich jetzt im verlegerischen Sabbatical bin, werde ich Zeit und Muße finden, die weiteren Jahre Revue passieren zu lassen. Aber erstmal ein bisschen Pause.

VERLAGSGESCHICHTE